Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik Waiblingen e. V.


Neustadter Hauptstraße 53
71336 Waiblingen-Neustadt

"Lass Mir zeit es selbst zu tun"

- Emmi Pikler -

Emmi Pikler

Emmi Pikler war eine Kinderärztin, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien und Budapest lebte und arbeitete. Die Erfahrungen, die sie bei ihrer langjährigen hausärztlichen und pädagogischen Begleitung von Familien gewonnen hatte, führten zu einem Bewusstseinswandel in der Kleinkind-Pädagogik. 1946 gründete sie das Säuglingsheim Lóczy, das sie bis 1979 leitete.

Der Kern von Emmi Piklers Pädagogik besteht darin, die Würde und Kompetenz des Kindes, seine Eigeninitiative und -aktivität von Geburt an zu respektieren.

Die zwei Säulen ihrer Pädagogik sind die achtsame Pflege und die freie Bewegungsentwicklung.

Emmi Pikler ging davon aus, dass Säuglingspflege bereits Erziehung ist. Die Mehrzahl seiner sozialen Erfahrungen macht ein Säugling, während er gefüttert, gebadet, gewickelt oder an - und ausgezogen wird. Diese Tätigkeiten nehmen einen grossen Teil der Zeit und der Zuwendung durch einen Erwachsenen ein. Erwachsene neigen oft dazu, diese Tätigkeiten eilig und möglichst effizient auszuführen. Es sind Notwendigkeiten oder "Arbeit", die am besten zügig gemacht wird, um dann ... ja, was dann? Mehr Zeit zu haben, mit dem Baby zu spielen? Für das Baby gibt es diese Trennung Arbeit - Spiel aber nicht. Für das Baby ist alles spielerisches Lernen. Das Spielzeug ist genauso ein Forschungsobjekt wie das Hemdchen, das angezogen werden soll und das wiederum ist ein ebenso spannendes Spielzeug.

Darum widmete Emmi Pikler der Qualität des Umgangs mit dem Kind ihre Hauptaufmerksamkeit. Wenn dieser von liebevollem Respekt bestimmt wird und die Hände, die es pflegen "tastend, empfindsam, behutsam und feinfühlig" sind, dann entspannt sich das Kind, so Piklers Beobachtung, und es fühlt sich aufgehoben und geliebt. Im Emmi-Pikler-Institut wird bei der Pflege mit dem Kind gesprochen. Die Kinderpflegerin erklärt, was sie tut und zeigt dem Kind jeden Gegenstand, den sie verwendet und jedes Kleidungsstück. Sie wartet, bis es bereit ist zu kooperieren. Ein nur wenige Wochen altes Kind ist zu kooperativem Verhalten fähig. Pflege ist Kommunikation. Das Baby nimmt den Dialog auf: mit Blicken, Gesten und Bewegungen und es kommt zu einem echten Zusammenspiel. Diese Art der Pflege befriedigt sowohl die körperlichen als auch die seelischen Bedürfnisse des Kindes: am Ende ist es satt, ruhig und zufrieden.

Die zweite Säule ist die freie Bewegungsentwicklung. Jedes Kind lernt alle Bewegungsarten selbstständig zu seiner Zeit. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung bedarf es dazu keiner Förderprogramme wie ins Sitzen ziehen, an den Händen führen und ähnliches. Diese können für das Kind eher hinderlich sein, denn zum einen sind dann die Muskeln noch nicht so weit entwickelt, und zum zweiten gewinnt das Kind Selbstbewusstsein daraus, etwas aus eigener Kraft herausgefunden zu haben.

Überdies zeigen die Erfahrungen mit dieser Erziehungsweise, dass den Kindern wesentlich weniger Unfälle passieren als anderen Kindern. Wir halten dies für sehr plausibel, denn die Kinder "gehen" auf diese Weise immer so weit, wie sie selbst gehen können, während andere Kinder einerseits oft schon in Situationen gebracht werden, die sie sich nicht selbst erarbeitet haben, andererseits mit übertriebener Vorsicht vor Erfahrungen bewahrt werden, die vielleicht auch mal eine kleine Beule bringen.

Zur freien Bewegungsentwicklung gehört auch das freie Spiel. Nach der liebevollen Zuwendung während der Pflege kommen die Kinder im Emmi-Pikler-Institut zusammen mit den anderen Kindern in den Spielbereich. Sie erkunden selbst im freien und gemeinsamen Spiel die Umgebung, die Gegenstände und Spielsachen. Die Erzieherinnen sind in Hör- und Sichtweite, beobachten die Kinder aufmerksam, mischen sich aber nur in Krisensituationen in das Spiel der Kinder ein.

Obwohl die Kinder also ausser in der Pflegesituation sich selbst überlassen sind, nicht "bespielt", herumgetragen oder ähnliches werden, sind sie ausgeglichen, fröhlich und lebhaft. Mehrmals am Tag erfahren sie, dass sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, dass sie wichtig sind. Dies und der feste Rhythmus gibt ihnen Geborgenheit.

Diese zwei Säulen: die achtsame Pflege und Einfühlung und die freie Bewegungsentwicklung, das freie Spiel mit den anderen Kindern, sind die Basis für die gesunden, produktiven und sozialkompetenten Menschen, die bei den Heimuntersuchungen aufgefallen waren.